Anfänge des Sports in Deutschland: Vom deutschem Turnen und englischen „sports“

Heute ist Turnen eine Sportart unter vielen. Am Ende des 19. Jahrhunderts aber waren die aus England kommenden „sports“ in Deutschland noch unbekannt und trafen auf das weitverbreitete Turnen. Konservative Turner lehnten diesen neuartigen Sport zunächst ab: Zwischen Turnen und Sport bestanden nämlich gravierende Unterschiede.

Der englische Sport

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Sport in England weit verbreitet und sehr beliebt: Es gab Sportzeitungen und Lehrbücher, Vereine und „Associations“ wurden gegründet. In das gesamte britische Empire wurde diese neue Idee des Sports exportiert.

Mit den „sports“ sind dabei alle spielerischen Tätigkeiten gemeint, dies reicht von Rudern über Jagen, Boxen, Reiten, Schwimmen bis zum Fußball. Die meisten dieser Sportarten wurden vor allem vom Adel betrieben, die es sich leisten konnten nicht zu arbeiten und ihre Freizeit zu gestalten. Die Begriffe „sportsmen“ und „gentlemen“ wurden fast synonym verwendet.

Beim englischen Sport handelt es sich um einen Wettkampf nach strikten Regeln. Leistungen und Rekorde werden aufgezeichnet: Es geht um Bestleistungen und den Sieg. Bestehende Rekorde werden zum Antrieb für Spezialisierung und intensive Vorbereitung auf den Wettkampf. Dies alles ist nur möglich durch eine Rationalisierung der „Leibesübungen“. Die Spiele müssen dafür immer unter den gleichen Bedingungen und Regeln stattfinden. Dies alles ist bis heute die Grundlage des modernen Wettkampfsports. Hinzu kommt ein gewisser Geist des Sports, nämlich der Ethos des „Fair Play“.

Diese Entwicklung des Sports wird meist in Zusammenhang gebracht mit der frühen Parlamentarisierung und Industrialisierung Englands. Der Sport spiegelt den Leistungsdruck der Arbeitswelt wider. Und den Kampf um die Durchsetzung von politischen Ideen, der eben nicht mehr mit Gewalt geführt wird, sondern zwischen Regierung und Opposition im Parlament. Auch hier gelten Spielregeln. Und nach jedem „Spiel“ haben beide Seiten wieder die gleichen Chancen auf den nächsten Sieg. Politische Niederlagen werden daher akzeptiert.

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Fußball, obwohl dieser eher ein Sport der Arbeiter war und der Adel sich anderen Disziplinen annahm. Fußball wurde in England lange Zeit als Volkssport ohne feste Regeln gespielt, er war gewalttätig und die Bedingungen waren bei jedem Spiel anders. Im 19. Jahrhundert wird Fußball dann in den „Public Schools“ eingeführt. Die Elite-Schulen Rugby und Eton legten erstmals Regeln fest. Im Fußball sollten Tugenden wie Mut und Kampfgeist auf zivilisierte Art und Weise – eben gentlemanlike – eingeübt werden. Durch die festen Regeln werden Geschick und Können gefördert, auf dem Platz gilt nun nicht mehr das Recht des Stärkeren. Der Gedanke der Fairness im Wettkampf kommt auf: Man tut alles für den Sieg, weiß aber, dass der Gegner genauso handelt und respektiert dies. So können, genau wie in der Politik, auch Niederlagen akzeptiert werden. Endgültig institutionalisiert wurde der Fußball durch die Gründung von Vereinen und Verbänden: Aus dem wilden Volksspiel ist ein durchorganisierter Sport geworden.

 

Deutsches Turnen

Die Turnbewegung wurde 1807 von Friedrich Ludwig Jahn initiiert. Sie verstand sich als politisch-patriotische und nationale Bewegung, die die Bevölkerung auf einen Befreiungskrieg gegen die napoleonischen Besatzer vorbereiten sollte. Turnen wurde zur Erziehung benutzt und war nicht Freizeitgestaltung wie der Sport in England. Beim Turnen ging es vor allem um die Bewegung selbst, Wettkämpfe wurden nicht veranstaltet. Turnen war anders als der Sport sehr einheitlich. Wie wir gesehen haben, wurden viele verschiedene Tätigkeiten als Sport bezeichnet. Turnen hingegen hatte eine klare Eingrenzung und eben auch ein ideologisches Programm.

Als die „sports“ auf das deutsche Turnen trafen, gab es zunächst große Konflikte. Konservative Turner hatten Vorbehalte: Sport sei pädagogisch ungeeignet, undeutsch und trage zum sittlichen Verfall bei. Würden die Leidenschaften des Menschen durch das Turnen beherrscht, sei der Sport eine Entfesslung derselben. Es kam zum Streit über die Prinzipien, nach denen Leibesübungen durchgeführt werden sollten.

Ein Beispiel, an dem die Unterschiede zwischen Turnen und Sport deutlich werden, ist das deutsche Turnspiel Faustball. Beim Faustball, das dem Volleyball ähnelt, war das Ziel – im klassischen Turnen – möglichst viele Ballwechsel zu erzielen. Es wurde um des Spiels willen betrieben, für schöne Ballwechsel. Durch die „Versportlichung“ änderte sich Faustball erheblich. Es gab strengere Regeln und Punkte wurden nun für Fehler des Gegners vergeben, also etwa wenn der Ball nicht mehr retourniert werden kann. Alle Schlagarten wurden erlaubt, man musste die Schwächen des Gegners ausnutzen. Kurz gesagt: Faustball entwickelte sich vom reinen Ausgleich zum Wettkampf. Hier zeigen sich Charakteristika des modernen Sports überhaupt: Durch den Wettkampf entsteht mehr Spannung und Dynamik und es gibt nur einen Sieger, der sich von allen anderen Teilnehmern abhebt. Die Leistungen werden gemessen und die Sportler spezialisieren sich auf eine Disziplin, um dort Höchstleistungen abrufen zu können.

Anders als der Adel in England, von dem der Sport ausging, betrieb der Adel in Deutschland kein Turnen oder Sport. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde man aufmerksam auf den englischen Sport, der als Vergnügen angemessen schien, um sich von den turnenden Massen abzusetzen (und nebenbei das Duell auf Leben und Tod zu ersetzen). Danach setzte sich der Sport in allen Schichten durch, z.B. mit Fußball. Das Monopol der Turnerschaft wurde aufgebrochen. Letztlich entwickelte sich Sport dann zu dem Überbegriff, den wir heute kennen.

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