Parkour

Die relativ neue Sportart Parkour hat in letzter Zeit große mediale Aufmerksamkeit erlangt. Ob in Kinofilmen oder unzähligen Beiträgen auf youtube, überall werden spektakuläre Aktionen von erfahrenen „Traceurs“ gezeigt. Grund genug, sich einmal mehr mit diesem Phänomen zwischen Sport und Kunst auseinanderzusetzen.

Grundidee des „Le Parkour“ ist es, eine selbstgewählte Strecke mit all ihren Hindernissen möglichst effizient zu überwinden. Kontrolle, Sicherheit und Schnelligkeit sollen dabei aus dieser Effektivität entstehen: Parkour ist also auf keinen Fall ein Wettrennen! Es ist die „Kunst der Bewegung“. Die Hindernisse wie Mauern, Tische, Geländer etc. sind dabei zu überwinden, aber auf keinen Fall zu verändern. Ziel des Traceurs ist es ja gerade, mit der Umwelt zurechtzukommen und nicht, in sie einzugreifen. Parkour ist übrigens nicht auf städtische Gebiete beschränkt: Auch in einer natürlichen Umgebung kann Parkour betrieben werden.

Egal wo Parkour betrieben wird, Ziel ist es immer, kreative Lösungen für einen Ausweg zu finden. In einer urbanen Umgebung bringt diese Aufgabe mit sich, dass die gewohnte Umwelt mit anderen Augen gesehen werden muss. Wände z.B. müssen überwunden werden, statt einfach an ihnen vorbeizugehen. Diese Änderung der Perspektive ist einer der Gründe dafür, dass Parkour nicht nur als Sport angesehen wird: Nach eigenem Verständnis ist es ein Phänomen, das zwischen Sport und Kunst angesiedelt ist.

Trotz aller Kreativität haben sich einige Techniken und Bewegungen herausgebildet, die sehr charakteristisch für Parkour sind. So z.B. die „La roulade“, das extrem wichtige Abrollen nach einem Sprung oder der „Saut de Chat“, der Katzensprung. Besonders elegant ist das sogenannte „Tic-Tac“, für das es erst keine deutsche Übersetzung gibt, die an die Leichtigkeit und Präzision dieses lautmalerischen Ausdrucks heranreicht. Damit ist nämlich gemeint, dass man sich an Objekten wie z.B. einer Wand abstößt um z.B. Höhe zu gewinnen oder ein wackliges Hindernis zu überwinden. Die Kunst beim Parkour besteht nun darin, diese Techniken möglichst flüssig zu kombinieren. Die Bewegungen werden durch das Training automatisiert, um in einen „Flow“ zu gelangen.

 

Kommen wir zur Entstehung von Parkour. Als offizieller Erfinder gilt der Franzose David Belle, Jahrgang 1973. Sein Vater brachte ihm die „Methode naturelle“ nahe, ein Standard-Training der französischen Armee. Dabei geht es unter anderem um Bewegungen, die im Einklang mit der konkreten Umgebung stehen, um Bewegungen in der Natur. Diese Form der Anpassung und des Umgangs mit einer hinderlichen Umgebung wurde wohl schon im Vietnam-Krieg angewendet, der zum großen Teil im Dschungel ausgefochten wurde. Die Grundgedanken dieses sowohl physischem als auch psychischen Trainings wandte David Belle dann auf eine urbane Umgebung an, sprich dem Vorort von Paris, in dem er aufwuchs.

 

Hinter Parkour steckt aber weit mehr als ein reines Militär-Training. Wie bereits zu Beginn bemerkt wurde, wird mit Parkour auch eine gewisse Denkweise verbunden. Man könnte es fast eine Philosophie nennen.

Ein Traceur verändert seine Umgebung nicht, sondern versucht sie mit angemessenen Mitteln zu bewältigen. Aus dieser Anforderung an den Sportler entsteht Achtung und Respekt für seine Umwelt und Mitmenschen. Sie zu zerstören widerspricht allen Grundsätzen des Parkour, vielmehr stellt der Traceur sich darauf ein.

Parkour ist kein Wettkampf, höchstens ein Wettkampf gegen sich selbst. Im Mittelpunkt steht allein die Bewegung, sie wird um ihrer selbst willen ausgeführt. Die eigenen Grenzen sollen dabei kontrolliert erweitert werden. Das Ziel des Trainings ist Kontrolle, nicht das Besiegen eines Gegners. Wettbewerb kann nämlich zu riskanten Aktionen führen, bei denen Verletzungen auftreten. Parkour-Einlagen sind nämlich keine Stunts. Ein geübter Traceur weiß, welche Wege er gehen kann und welche nicht. Der Begriff Show kommt im Wortschatz des Parkour hingegen nicht vor. Schönheit und Ästhetik sollen aus der Effizienz heraus entstehen. Es werden idealerweise nur Bewegungen ausgeführt, die auch nötig sind. Mutproben und unnötige Risiken sind zu 100 Prozent auszuschließen. Bestimmte Figuren und Akrobatik (wie im Skatebparding) kommen nur im „Freerunning“ vor, einem Ableger des Parkour.

Um das Risiko von Verletzungen zu minimieren ist viel Training und Körperbeherrschung vonnöten. Viele Menschen, die Parkour-Training machen, berichten von einem neuen Körperbewusstsein, das sie erfahren. Auf Schutzkleidung verzichten die meisten: Das würde eine lediglich trügerische Sicherheit bieten, sagen sie. Man wird so dazu verleitet, seine eigenen Grenzen zu überschreiten. Dies widerspricht aber dem Grundsatz, nur das zu versuchen, was man auch kann. Das erfordert eine Menge Selbsterkenntnis, z.B. was die eigene Sprungweite betrifft. Alle Techniken wie etwa das Abrollen werden soweit geübt, dass sie jederzeit kontrolliert eingesetzt werden können. Die gesamte Konzentration muss nur der jeweiligen Situation gelten.

Parkour hat den Anspruch, den alltäglichen und bekannten Raum frei und kreativ zu nutzen. Interessant wird es, wenn man sich klarmacht, wie durchstrukturiert und auch kommerzialisiert unser normaler „Lebensraum“ eigentlich ist. Im Parkour werden buchstäblich neue Wege gegangen, eigene Wege, die von niemand anderes vorgegeben sind. Dadurch bricht Parkour die alltäglichen Bewegungsmuster auf, was einen Effekt über den reinen Sport hinaus hat: Für viele Menschen, auch für David Belle selbst, ist Parkour eher eine Haltung, die alle Lebensbereiche berührt.

 

Vereine findet man im Parkour bisher nicht. Vielleicht würde eine hierarchische Organisation wie ein Verein auch nicht zum kreativen und individuellen Wesenszug des Parkour passen. Trotzdem gibt es eine Menge „Teams“, in denen man gemeinschaftlich trainieren kann. Zudem kann es hilfreich sein, gleich von Beginn an die wichtigsten Techniken richtig einzuüben. Als Trainer fungieren dabei erfahrene Traceure, die die jeweiligen Techniken vorstellen und Anleitung geben.

Ein guter erster Anlaufpunkt im Internet für Informationen ist parkour.de