Entwicklung der Zivilgesellschaft II

Nach dem langen Marsch durch fast 2.300 Jahre Kulturgeschichte im ersten Artikel dieser kleinen Reihe lassen wir es nun etwas langsamer angehen und beschränken uns auf ein einziges Jahrhundert, und zwar das 19.. Es ist aber für die Theorien, die hinter unserem heutigen Begriff Zivilgesellschaft stehen, überaus bedeutend. Die „intermediären Sphären“, die wir bei Montesquieu kennengelernt hatten, werden weiterentwickelt und finden praktisch Niederschlag in verschiedensten Arten von freien Bürgervereinigungen und einer Welle von Vereinsgründungen. Bei Hegel ereignet sich dann der entscheidende Schritt in der Entwicklung: Er unterscheidet als erster strikt zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Neben diesem Aufschwung findet man aber auch Kritik an der Hegelschen Konzeption, vor allem bei Karl Marx. Dennoch: Die deutsche Zivilgesellschaft nimmt im 19. Jahrhundert ihren Anfang.

Die „Philosophie des Rechts“ von G.W.F. Hegel ist für den Begriff Zivilgesellschaft ein Meilenstein (auch wenn Hegel von "bürgerlicher Gesellschaft" spricht). Hegel definiert die bürgerliche Gesellschaft als einen Bereich zwischen Staat und Familie und nimmt damit als erster Denker eine strikte Trennung dieser verschiedenen Sphären vor. Die bürgerliche Gesellschaft kann dabei für Hegel ein Ort von Integration, aber auch von Entfremdung sein.

Hegel teilt sie in drei Bereiche ein: Im „System der Bedürfnisse“ geht es um den freien wirtschaftlichen Verkehr. Als Akteur tritt hier der Bourgeois auf, der natürlich auch in Konkurrenz mit den anderen Gesellschaftsmitgliedern steht. Zweiter Bereich ist die „Rechtspflege“. Damit meint Hegel die Gesetze zum Schutz der Person und des Eigentums. Aus heutiger Sicht ist klar: Ohne Rahmenbedingungen wie z.B. die Menschenrechte kann es keine Zivilgesellschaft geben. „Polizei und Korporationen“ bilden abschließend den dritten Bereich der bürgerlichen Gesellschaft. Unter Polizei versteht Hegel mehr als wir heutzutage: Neben Strafverfolgung zählen auch Eingriffe in die Wirtschaft oder Fragen der Wohlfahrt dazu.

Am interessantesten für diese Untersuchung sind aber die Korporationen. Dahinter verbergen sich alle freiwilligen Vereinigungen wie z.B. Wirtschaftsverbände. Sie übernehmen nach Hegel soziale, pädagogische und politische Aufgaben innerhalb der Gesellschaft. An diesem Ort werden individuelle und allgemeine Interessen miteinander verbunden. Auf diese Weise wird ein Ausgleich zwischen dem Bourgeois und dem Citoyen geschaffen. Die egoistischen Perspektiven werden dadurch (zumindest zum Teil) aufgehoben. Die Korporationen führen nach Hegel zu ständischen Vertretungen, die dann an der Legislative teilhaben können. Wie bei Montesquieu sind die Korporationen damit vermittelnde Instanzen: Rousseau hatte diese abgelehnt und Staat und Gesellschaft radikal gleichgesetzt. Hegel aber sieht in ihnen ein Korrektiv zu dem notwendigen Konkurrenzwesen in der Wirtschaft. Wobei auch gesagt werden muss, dass die wirkliche Vermittlung der partikulären Interessen für Hegel nur im Staat selbst möglich ist. Die bürgerliche Gesellschaft ist also nur eine Zwischenstation zur Einheit im Staat und damit zur Sittlichkeit selbst.

Bei Hegel ist die bürgerliche Gesellschaft ein Gemisch aus sozialer, wirtschaftlicher und politischer Sphäre. Er denkt die verschiedenen Traditionen – Aristoteles, Smith, Montesquieu – in einer Synthese. Dadurch wird es möglich, dass die Partizipation des Bürgers an der Politik nicht zu einer Gleichsetzung der beiden Sphären Staat und Zivilgesellschaft führt. Diese Trennung ist für ihn aber „nur“ Mittel zum Zweck, eine Durchgangsstation zur vollen Entfaltung der Sittlichkeit im Staat.

 

Kritik erfährt diese Konzeption durch den Hegel-Schüler Karl Marx. Er reduziert die bürgerliche Gesellschaft auf Hegels „System der Bedürfnisse“. Die kapitalistische Gesellschaft der Bourgeois, die durch das Privateigentum an Produktionsmitteln gekennzeichnet ist, wird nun als bestimmend angesehen. Recht und Staat, das heißt letztlich die gesamte Gesellschaft, werden durch die Produktionsweisen geprägt. In der bürgerlichen Gesellschaft, die eigentlich die kapitalistische ist, ist daher alles vom Eigeninteresse geleitet, wie es unter den Zwängen des Marktes üblich ist. Somit entwickelt sich der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft in der Nachfolge von Marx zu einer Abwertung. Partizipation am Staat wie bei Hegel spielt in diesem Begriff nämlich keine Rolle mehr. Dies hat vor allem für die Begriffsgeschichte in Deutschland, nicht nur in der marxistischen Tradition, weitreichende Folgen.

 

Alexis de Tocqueville bewertet die Zivilgesellschaft vollkommen anders – nämlich überaus positiv. Sein Werk „Über die Demokratie in den USA“ liefert bis heute wichtige Impulse in die Diskussion über Zivilgesellschaft und Demokratie.

In der Tradition von Montesquieu stehend, schätzt Tocqueville intermediäre Institutionen in ihrer Bedeutung für die Demokratie als unerlässlich ein. Er lernt in den Vereinigten Staaten eine andere politische Kultur kennen, in der das öffentliche Leben eine große Relevanz besitzt. Ohne diese Öffentlichkeit würde eine Demokratie zum Despotismus ausarten. Das bedeutet, dass die Menschen nur nach egoistischen Motiven handeln, was eine Tyrannei der Mehrheit zur Folge hätte. Um dies zu verhindern, sind freiwillige Vereinigungen und Assoziationen notwendig, die den erforderlichen öffentlichen Raum schaffen und somit die Grundlage der Demokratie bilden. Sie vermitteln zwischen Staat und Individuum.

Assoziationen wie Vereine sind in den USA allgegenwärtig, so Tocqueville. Und zwar sowohl in politischen wie in unpolitischen Bereichen. Im ersten Fall wollen die Menschen entweder selber Probleme angehen oder die Politik in ihrem Sinne beeinflussen. Tocqueville stellt einen wichtigen Unterschied zu Europa fest: In den USA ist dadurch die Gestaltung „von unten nach oben“ weitaus leichter möglich. Aber auch unpolitische Vereine erfüllen eine wichtige Funktion: Sie beeinflussen die Gesinnung der Menschen, indem sie solidarisches Handeln einüben. Diese mehr kulturell-soziale Leistung fördert die Empathie und fungiert als Korrektiv zur modernen Individualisierung.

Tocqueville deutet die Zivilgesellschaft also nicht ökonomisch, wie das bei Marx der Fall ist – die beiden sind in dieser Hinsicht geradezu Gegenpole. Er gab der Diskussion um den Begriff Zivilgesellschaft eine Menge an neuen Stoff, statt sie – wie Marx in Deutschland – für lange Zeit zu beenden.

 

Zwischenfazit: Die Idee einer Zivilgesellschaft und wichtige Charakteristika entwickeln sich im 19. Jahrhundert mit großen Schritten. Wenn auch das Wort Zivilgesellschaft selbst etwa bei Hegel und Marx nicht fällt, entsteht dennoch ein vieldiskutiertes Konzept. Allerdings erleidet der Begriff einen schweren Rückschlag in Deutschland, und zwar durch die negative Bewertung von Marx. Ein wichtiger Teil der Kontroverse dreht sich um die Frage, in welchem Bezug die Zivilgesellschaft zu Wirtschaft und Staat steht. Doch ist die zentrale Idee bereits fest etabliert, vor allem die Gedanken Montesquieus zeigen eine starke Wirkung, sie werden von der Monarchie auf die Demokratie übertragen.

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