Integrationsarbeit: Wie holt man den Partner ins Boot?
SPONSORING-SPEZIALIST ALS SPIELFÜHRER
Gerda Gründlich handelte schnell. Kurz vor Redaktionsschluß schaffte sie es noch, eine Anzeige in der Vereinszeitschrift unterzubringen, in der sie nach Sponsoring-Fachleuten fragte. Es meldete sich nur ein Mitglied, aber immerhin: Clemens Clever arbeitete in einer Marketing-Agentur und schien sich gut auszukennen. Und er war bereit, aktiv mitzuarbeiten! Nachdem Gründlich ihm die Vorgeschichte erzählt hatte, grinste er: Mit Sponsoring habe das in etwa so viel zu tun wie eine Partie Federball mit einem Badmintonmatch.
„Du siehst das ganz richtig, Gerda: Ihr habt dem Autohaus überhaupt nichts angeboten. Aber ein Sponsor interessiert sich nun mal nur dann für gute Taten, wenn sie ihm auch selbst etwas bringen. Vor allem, wenn es um größere Beträge geht. Wir brauchen also zwei attraktive Konzepte – eins für die Veranstaltung und eins für den Sponsor. Und da sehe ich Verbesserungsmöglichkeiten. Um dir ein Beispiel zu geben: Der Slogan ‚Migranten, macht mit!’ klingt nicht gerade attraktiv. Man denkt spontan an Integrationsprobleme. Das ist ja auch wirklich der Hintergrund. Aber vor dem will sich wahrscheinlich kein Sponsor zeigen. Man müsste das positiver formulieren. Mal abgesehen davon, dass mir der Slogan auch nicht gefallen würde, wenn ich selbst Migrant wäre. Es klingt so einseitig, als wäre es allein an den Migranten, etwas zu tun.“
Schlagkräftig: Ein kleines Expertenteam
Gerda Gründlich nickte nachdenklich. Es hatte eine schwungvolle Einladung sein sollen. Aber sie verstand, was Clemens meinte. Was er vorschlage, wollte sie wissen.
„Um zügig voranzukommen, sollten wir eine kleine Arbeitsgruppe bilden. Du als Vertreterin des Vorstands, ich als Fachmann fürs Marketing und dann noch jemand, der auf die Finanzen achtet; das sollte zunächst reichen. Wenn wir dann noch spezielles Know-how brauchen, ziehen wir einzelne Leute als Berater hinzu. Was hältst du davon?“
Gründlich war grundsätzlich einverstanden, wollte aber die Vereinskollegin, die das Thema Öffentlichkeitsarbeit betreute, einbeziehen. Sie war zwar nicht vom Fach und kümmerte sich in erster Linie um redaktionelle Aufgaben, doch Gründlich wollte nicht riskieren, sie vor den Kopf zu stoßen.
DAS VERANSTALTUNGSKONZEPT: WERDET SPORTSFREUNDE!
Schon zwei Tage später traf sich die Arbeitsgruppe zum ersten Gespräch. Gerda Gründlich schilderte die Vorgeschichte und stellte Clemens Clever in seiner Eigenschaft als Sponsoring-Fachmann vor. Sie regte an, dass er das Team leiten solle; alle stimmten zu. Das Konzept für die Veranstaltung sei bereits weit gediehen, erläuterte Gründlich und stellte den Teilnehmern die Eckpunkte vor:
- Geplant war eine Freiluftveranstaltung auf dem Sportgelände des Vereins.
- Ziele der Veranstaltung waren, ...
... Alt- und Neubürgern der Stadt ein besseres Kennenlernen zu ermöglichen;
... etwas für das Image und den Bekanntheitsgrad des Vereins zu tun;
... neue Mitglieder zu werben, was eine Schnuppermitgliedschaft erleichtern sollte;
... dem Verein durch eine bewegende Veranstaltung neuen Schwung zu geben. - Kleinere Wettkämpfe zwischen Vereinsmitgliedern, zum Beispiel ein Hochsprungwettbewerb, sollten für Spannung sorgen. Vor allem sollte es aber ein Spaß- und Spiele-Fest werden, das zum Mitmachen einlud. Die Abteilungsleiter hatten sich ein Mitspiel-Programm ausgedacht, in denen Sportarten auf kuriose Weise verändert wurden, zum Beispiel ein Basketballspiel, bei dem jeweils zwei Spieler durch ein Gummiband miteinander verbunden wurden. Es würde keine Spiele alt gegen jung, Männer gegen Frauen oder Alteingesessene gegen Neubürger geben, sondern nach Möglichkeit stets bunt gemischte Truppen. Um zum Mitspielen zu motivieren, sollten die Siegermannschaften Punkte gewinnen, die in der Gastronomie eingelöst werden konnten.
- Eine Tanzgruppe hatte zugesagt, Tänze aus der alten Heimat der Migranten vorzuführen.
- Es sollte ein großes Fest werden, das der Bedeutung des Themas angemessen war. Die finanzielle Kalkulation wies einen Fehlbetrag von 15.000 Euro aus. Davon war bereits rund ein Drittel durch mehrere Spender und Sponsoren gedeckt. Den Löwenanteil, nämlich 10.000 Euro, erhoffte man sich vom Autohaus.
Bei der Kalkulation sei vorsorglich unterstellt worden, dass alle Sponsoreneinnahmen versteuert werden müssten, ergänzte der Schatzmeister, Knut Knauser. Er war ein erfahrener Mann, der für kommagenaue Berechnungen stand. Das brachte ihm zwar nicht immer Begeisterung ein, vor allem, wenn er hochfliegende Pläne auf den Boden des Machbaren zurückholte. Aber er hatte sich im Laufe der Jahre viel Respekt erworben: Ohne seine Abneigung gegen Ausgaben stünde der Verein schlechter da, war sich die Mehrheit einig.
PERSPEKTIVWECHSEL: MIT DEN AUGEN DES SPONSORS
An den Eckpfeilern der Veranstaltung solle nicht mehr gerüttelt werden, machte Clemens Clever im Anschluss klar. Aber über eine Verschönerung „der Fassade“ dürfe und solle nachgedacht werden – und natürlich darüber, wie man das Autohaus als Hauptsponsor ins rechte Licht rücken könnte.
„Wir könnten allerdings auch zu der Einsicht gelangen, dass wir uns besser einen anderen Sponsor suchen sollten, dessen Ziele leichter mit dem Sportfest zu vereinbaren sind. Lasst uns aber zunächst probieren, das Autohaus zu gewinnen. Der gute Kontakt, den wir zu Herrn Partner haben, ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Bis wir zu einem anderen potenziellen Sponsor eine so gute Beziehung aufgebaut haben, das kann dauern. Trotzdem müssen wir diese Alternative im Auge behalten. Gerda und ich, wir sind übrigens noch mal bei Herrn Partner gewesen. Einerseits, um uns zu vergewissern, dass er grundsätzlich interessiert ist und die von uns benötigte Summe in Betracht kommt. Andererseits, um mit ihm zu konkretisieren, wo die Interessen des Autohauses liegen.“
Der Sponsor: Große Summe – große Erwartungen
10.000 Euro seien ein Batzen Geld, hatte Herr Partner gesagt. Aber er sei prinzipiell bereit, ihn auf den Tisch zu legen, „wenn wir entsprechende Gegenleistungen bekommen“. Nach dem bisher Gehörten sei er zwar nicht allzu optimistisch, aber er ließe sich gern vom Gegenteil überzeugen. Mit ein paar Werbeflächen sei es allerdings nicht getan! Dann hatte er die Anliegen des Autohauses umrissen:
- In den drei Jahren seit der Eröffnung hat das Autohaus zwar einen ansehnlichen Käuferstamm gewonnen – um ihn auszubauen, gilt es aber, den Bekanntheitsgrad zu steigern. Dazu müsste die Veranstaltung beitragen.
- Die ausländische Marke, die das Autohaus vertreibt, hat sich in Deutschland einen „ordentlichen“ Ruf als technisch ausgereiftes Fabrikat erworben. Aber die emotionale Beziehung ist noch nicht stark ausgeprägt. Wenn die Veranstaltung positive Akzente für das Image der Marke setzen könnte, würde „die Sache richtig interessant“.
- Kürzlich ist ein neues Modell erschienen. Es auf der Veranstaltung vorstellen zu können, wäre ein richtig guter Grund, „Geld springen zu lassen“. Vielleicht könne der Verein sich ja ein Spiel einfallen lassen, bei dem ein Fahrzeug im Vordergrund steht.
Erna Ehrlich, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war, rümpfte die Nase. Sie engagierte sich seit vielen Jahren im Verein. Manche Entwicklung behagte ihr aber nicht und sie hielt damit nicht hinterm Berg – auch jetzt nicht:
„Wir wollten mit der Veranstaltung etwas für die Gemeinschaft tun, nicht wahr? Es ging um so etwas wie eine gute Tat, richtig? Herr Partner scheint das zu einer Verkaufsveranstaltung umfunktionieren zu wollen. Wo bleibt denn da die Gemeinnützigkeit?“
KEIN GELD OHNE GEISTESBLITZE
Gerda Gründlich fühlte sich unbehaglich. Sie litt unter der gelegentlich geäußerten Kritik, die Vereinsgemeinschaft werde wegen der von ihr vorangetriebenen Professionalisierung bald den Bach runtergehen. Und sie ahnte bereits, dass es ihr nicht nur Freunde einbringen würde, einen Sponsor auf dem Sportfest mit mehr als den üblichen Werbeflächen zu präsentieren. Nur – was war denn die Alternative? Das Fest ausfallen zu lassen! Damit wäre niemandem gedient. Aber die Idee von Herrn Partner, ein Fahrzeug als eine Art Spielgerät zu benutzen, war ihr auch nicht geheuer. Es gab Grenzen! Nein, keine Verkaufsveranstaltung, stellte sie schnell klar. Das werde sie als Vorstandsvorsitzende nicht zulassen! Clemens Clever griff beschwichtigend ein:
„Herr Partner hat gesagt, was ihm am liebsten wäre. Das ist sein gutes Recht. Was aber nicht heißt, dass wir es genau so machen. Am Ende wird man verhandeln müssen, was möglich ist und was nicht. Nur über eines sollten wir einig sein: Wir können nicht unbescheidene 10.000 Euro verlangen und gleichzeitig erwarten, dass sich der Sponsor bescheiden im Hintergrund hält. Unsere Aufgabe besteht gerade darin, seine Interessen und die unseres Vereins so in Einklang zu bringen, dass beide Seiten zufrieden sind. Dazu brauchen wir Geistesblitze, wie wir den Sponsor auf sympathische Weise in das Fest einbeziehen, ohne ihn allzu sehr in der Vordergrund zu rücken. Können wir uns darauf verständigen?“
Nach kurzer Diskussion stimmten alle Teilnehmer zu und einigten sich auf folgende Leitlinie für die Präsentation des Sponsors:
Prägnant, aber nicht plakativ,
auffällig, aber nicht aufdringlich!
VERANSTALTUNGS- & SPONSORING-KONZEPT: IN DREI SCHRITTEN INS ZIEL
Clever schlug dem Team vor, die Arbeit in Phasen zu unterteilen:
„Etappe eins dient der Klärung von Grundsatzfragen, aus denen sich die Strategie ergibt. Hier steht die Überlegung im Mittelpunkt, unter welchen Voraussetzungen das Sportfest für den Sponsor zum Erfolg wird. Dazu muss man es konsequent durch seine Brille betrachten.
In der zweiten Etappe geht es darum, die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen zu übertragen und ein Rahmengerüst für das Konzept zu entwickeln.
Die dritte Etappe schließlich soll in ein Veranstaltungs- und Sponsoring-Konzept münden, das man mit Herrn Partner diskutieren kann.“
PHASE 1: STRATEGISCHE ERFOLGSFAKTOREN
Als sich alle einverstanden erklärten, gab Clever den Startschuss für die erste Etappe. Die Aufgabe hatte jedoch leichter geklungen, als sie war. Das Wesentliche des Sportfests aus der Sicht des Sponsors? Die Arbeitsgruppe tat sich mit Antworten schwer. Clever hatte zwar einige Ideen, behielt sie aber für sich. Ihm war wichtig, dass sich alle Teilnehmer mit dem Konzept, das entstehen sollte, identifizieren konnten. Nur dann würden sie im Verein später dafür eintreten. Wenn er selbst zu stark dominierte, geriet dieses Ziel in Gefahr.
Aus Fehlern wird man klug
Deshalb empfahl er der Arbeitsgruppe, einen Zwischenschritt einzulegen, der die Wegstrecke überschaubarer machte:
„Häufig hilft es, sich zunächst vorzustellen, wie es falsch laufen würde. Das Richtige ergibt sich dann fast von selbst. Lasst uns deshalb erst einmal überlegen, woran der Sponsor festmachen würde, dass die Veranstaltung für ihn ein Fehlschlag war.“
Tatsächlich, diese Frage war viel leichter zu beantworten. Nach kurzer Zeit hatte das Team folgende Merkmale herausgearbeitet, die aus Sicht von Herrn Partner wahrscheinlich einen Misserfolg anzeigen würden:
- Die Besucher des Sportfests nahmen das Autohaus kaum oder gar nicht wahr.
- Die Besucher nahmen das Autohaus zwar deutlich wahr, doch es erschien ihnen wie ein Fremdkörper, dessen Werbung man notgedrungen ertragen musste.
- Die Besucher entwickelten eine Abneigung gegen die allzu aufdringliche Zurschaustellung des Autohauses.
- Die Medien berichteten kaum von der Veranstaltung, sodass die breite Öffentlichkeit wenig darüber erfuhr.
- Die Darstellung der Medien kreiste vor allem um politische Fragen, Fehlentwicklungen und Verantwortlichkeiten. Das Fest wurde also als Aufhänger für eine politische Kontroverse missbraucht.
- Die Medien berichteten angemessen vom Sportfest, aber das Autohaus wurde überhaupt nicht erwähnt.
- Die Medien erwähnten das Autohaus, aber mit kritischem Unterton, weil sich dessen Auftritt nicht harmonisch in die Veranstaltung eingefügt hatte.
Vom Fehler zum Vorschlag
Die Arbeit hatte sich gelohnt. Denn die negativen Merkmale ließen sich ohne große Umwege in Erfolgsfaktoren für den Auftritt des Sponsors umwandeln. Auch das Prinzip war deutlich geworden: Nicht zu wenig Präsenz, sonst würde der Sponsor übersehen, aber auch nicht zu viel, sonst könnten sich Publikum und Medien daran stoßen. Man habe, erläuterte Clever, damit auch gute Argumente gewonnen, um Herrn Partner zu überzeugen, dass ein „großspuriger“ Auftritt letztlich schade.
PHASE 2: VON DER STRATEGIE ZUM MASSNAHMENKATALOG
Das Team hatte nun zwei Fragen zu beantworten: Einerseits, wie das Interesse der Öffentlichkeit und der Medien für das Sportfest zu gewinnen war. Andererseits, wie man auf den Sponsor angemessen aufmerksam machen konnte. Clever ahnte, dass die Gruppe vor der zweiten Frage Bammel hatte. Wie viel Raum genau man dem Sponsor geben musste – und wollte –, schien schwer zu entscheiden. Diese Unsicherheit würde die Kreativität hemmen. Er regte deshalb an, mit einem Brainstorming zu beginnen:
„Lasst uns so viele Verbesserungsideen wie möglich sammeln, ohne nach Themenkomplexen zu unterscheiden. Die Ideen zuzuordnen, wird hinterher kein Problem sein, das machen wir mit links!“
Ideen erzeugen Ideen
Die Kreativität kam nur stockend in Gang. Doch mit jeder guten Idee ging es leichter. Ein Einfall stieß den nächsten an und die Sache kam in Schwung. Clever notierte jeden Vorschlag auf einem Flipchart, so dass alle mitlesen konnten. Aus dem Sammelsurium pickte das Team die besten Überlegungen heraus und formulierte folgende sechs Leitideen:
Wir brauchen ...
... für eine erfolgreiche Veranstaltung
- einen attraktiven und prägnanten Titel; er soll die Idee des Sportfests zum Ausdruck bringen und neugierig machen;
- einen zugkräftigen Schirmherrn, um das Interesse der Öffentlichkeit auf die Veranstaltung zu lenken;
- möglichst einen prominenten (lokalen) Sportler, der Neugierige anzieht;
- einen Medienpartner, den wir frühzeitig einbinden, um die Werbung für und die positive Berichterstattung über das Sportfest sicherzustellen;
- eine Organisation aus dem Kreis der Migranten, die für das Sportfest wirbt.
... für eine überzeugende Integration des Sponsors in das Fest
- einen inhaltlichen (!) Aufhänger, ... der ihn als Mitstreiter statt nur als werbenden „Zaungast“ präsentiert;
... der die Medien motiviert, auch über ihn zu berichten.
Da das Team bereits seit einigen Stunden zusammensaß und die Konzentration nachließ, schlug Clemens Clever vor, das Treffen zu beenden. Doch nicht, ohne zuvor „Hausarbeiten“ zu vergeben.
„Wir haben schon viel erreicht! Der nächste Schritt ist, unsere Ideen soweit zu konkretisieren, dass sie umsetzbar sind. Ich schlage vor, Untergruppen zu bilden, die bis zur nächsten Sitzung einzelne Aspekte ausarbeiten und Voraussetzungen für die Realisierung recherchieren. Einverstanden?“
Ja, das sei eine gute Idee! Clever spürte die Aufbruchstimmung und war schon deshalb mit dem Verlauf des Treffens zufrieden. Schließlich vereinbarte das Team folgende Aufgabenteilung:
- Titel: Clemens und Erna
- Aufhänger, um den Sponsor besser zu integrieren: Clemens und Gerda
- Kontakt zu den Medien: Gerda und Erna
- Recherche nach prominentem Sportler und ggf. Kosten: Gerda und Knut
- Kontakt zum Oberbürgermeister wegen Schirmherrschaft: Knut
- Recherche nach Organisationen aus dem Kreis der Migranten und ggf. Kontakt: Gerda
Ideen für die Rahmenhandlung
Das Team traf sich wie geplant zur nächsten Sitzung und die Arbeitsgruppen berichteten, was sie erreicht hatten bzw. wie weit sie gekommen waren:
- Clever und Ehrlich stellten verschiedene Ideen für den Titel vor. Ihr Favorit, erklärte Ehrlich, sei der Titel „Spiele ohne Grenzen – Das große Fest der Einheit“. Clever erläuterte die Gründe:
(1) Spiele ohne Grenzen: Darunter könnten die Leute sich etwas vorstellen. Sie würden an Spaß und Spannung denken und genau dafür solle ja auch das Sportfest stehen. Darüber hinaus habe der Titel natürlich eine doppelte Bedeutung, weil die Veranstaltung dem Zweck diene, Grenzen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen zu überwinden.
(2) Das große Fest der Einheit: Der Begriff „Einheit“, bei dem viele spontan an die Deutsche Einheit dächten, solle die gesellschaftspolitische Dimension der Veranstaltung andeuten.
Der Titel sei bewusst „ein wenig vage“ gehalten, um die Neugier zu wecken. Man müsse ihn als ein Puzzlestück der Öffentlichkeitsarbeit betrachten, das von anderen, zum Beispiel den Medienberichten, ergänzt werde. Den Migrationsaspekt habe man auch deshalb herausgehalten, weil er zu einseitig gedacht sei: Es gehe um alle Bürger der Stadt – eben um die Einheit! - Die Aussicht auf Unterstützung durch die Medien sei sehr gut, schilderten Gründlich und Ehrlich die Gespräche mit der Lokalzeitung und dem lokalen Radio. Beide hätten sich sehr interessiert gezeigt.
Das Lokalradio könne sich vorstellen, als Co-Veranstalter zu fungieren und sowohl einen Werbespot für die Veranstaltung zu produzieren, als auch einen Live-Bericht vom Fest zu bringen.
Die Zeitung denke über eine Beitragsreihe mit Porträts von Menschen nach, die sich – aus anderen Ländern kommend – in der Gemeinde niedergelassen haben. Das Sportfest solle dabei als Ausgangspunkt dienen. - Knauser berichtete, dass der Oberbürgermeister die Veranstaltung begrüße. Er sei nicht nur bereit, die Schirmherrschaft zu übernehmen, sondern auch, auf dem Sportfest anwesend zu sein und sich aktiv – zum Beispiel an einem Wettkampf – zu beteiligen.
- Gründlich und Clever erläuterten ihre Idee, den Sponsor inhaltlich in die Veranstaltung einzufügen. Ihr Vorschlag lautete: Das Autohaus solle einen Preis für erfolgreiche Integrationsarbeit im Sport stiften, der auf der Veranstaltung von Herrn Partner überreicht werde. Dann sei ihm der Applaus der Besucher gewiss. Der Preis habe auch Nachrichtenwert, weshalb die Medien darüber sicherlich berichten würden. Gründlich und Clever hatten bereits eine Vorstellung vom möglichen Preisträger: Es gab in der Stadt eine deutsch-türkische Handballmannschaft, die sich in ihrer Liga sehr gut schlug. Dieses Team auszuzeichnen bringe einen weiteren Vorteil, erklärte Ehrlich: „Wir weiten das Thema aus. Es geht nicht nur um Russland-Deutsche oder Spätaussiedler, sondern ganz allgemein um eine offene Gesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammenfinden.“
- Wegen dieser Überlegung hatte Gründlich nicht nur den Kontakt zu einer Vereinigung der Spätaussiedler, nämlich einem Kulturklub, sondern auch zu einem türkischen Nachbarschaftsverein aufgenommen. Beide hatten die Idee, ein „Fest der Einheit“ zu feiern, sehr positiv aufgenommen und waren bereit, einen aktiven Beitrag zu leisten. In jedem Fall würden sie für das Sportfest werben.
- Der letzte Punkt betraf den prominenten Sportler. Knauser und Gründlich waren allerdings selbst unsicher, ob ihre Idee gut war. Sie hatten Kontakt zu einer in der Region populären Automobilsportlerin aufgenommen, die vor Jahren aus Polen nach Deutschland eingewandert war. Sie passe gut in das Migrationsthema und zugleich ließe sich mit ihrer Hilfe vielleicht doch das neue Modell des Autohauses harmonisch in das Sportfest einbauen. Von Clever unterstützt, hatten Knauser und Gründlich folgende Idee entwickelt, der sie den Titel „Blindes Vertrauen“ gegeben hatten:
Zwei Teams, die sich jeweils aus einem Migranten und einem Alteingesessenen zusammensetzen, treten gegeneinander zum Wettkampf an. Die Aufgabe besteht darin, mit dem vom Autohaus gestellten Fahrzeug einen Parcours aus Schaumstoffhindernissen zu meistern. Das Besondere ist, dass der Fahrer mit verbundenen Augen fährt und der Beifahrer ihn lotsen muss. Die prominente Automobilsportlerin könnte als Schiedsrichterin oder als Kommentatorin fungieren. Die Siegprämie könnte in einer Leistung des Autohauses bestehen, zum Beispiel einem freien Wochenende mit dem neuen Modell.
Sie seien selbst unsicher, ob man den Sponsor damit nicht zu plakativ präsentiere, äußerte Gründlich ihre Zweifel und bat die anderen um eine offene Diskussion.
Abgleich und Konsens: Was ist für den Verein verträglich?
Das Team war sich schnell über alle Punkte einig – mit Ausnahme des letzten. Vor allem Erna Ehrlich hatte Einwände:
„Wir sind ein Sportverein, oder etwa nicht? Wir wollen nicht zuletzt für uns werben und neue Mitglieder gewinnen, stimmt’s? Ich habe aber den Eindruck, dass unser Veranstaltungskonzept den Sport und den Verein immer weiter in den Hintergrund drängt. Kompromisse, okay, aber ein Autowettkampf hat nun wirklich nichts mit uns zu tun. Wer deswegen auf unser Sportfest kommt, ist an einer Mitgliedschaft bestimmt nicht interessiert.“
Gerda und Knut nickten. Erna hatte ausgesprochen, was auch ihnen durch den Kopf ging. Während Knut sich besorgt fragte, was es wohl kosten würde, so einen Parcours einzurichten, machte Gerda vor allem Sorgen, wie die Idee im Verein ankäme. Das Sportfest sollte neuen Schwung bringen. Wenn das Konzept die Mitglieder irritieren würde, wäre das Ziel verfehlt. Außerdem würden dann nicht genügend Leute mit anpacken und die Veranstaltung wäre schlichtweg nicht machbar. Clemens, der die Idee durch die Marketingbrille betrachtete und dem sie gefiel, gab sich aber so leicht nicht geschlagen:
„Ich verstehe deine Einwände, Erna. Man muss sie unbedingt ernst nehmen. Den Risiken stehen aber Chancen gegenüber, die wir uns auch ansehen sollten, bevor wir entscheiden.
Zunächst: Um so mehr Gäste unsere Veranstaltung besuchen, desto größer die Einnahmen. Das würde unserer Vereinskasse gut tun, oder Knut?
Meine zweite Überlegung: Um so mehr Leute kommen, desto mehr potenzielle neue Mitglieder sind darunter. Ich bezweifele, dass jemand, der auf den Autowettkampf neugierig ist, für unseren Verein von vorneherein verloren ist; ein Mensch hat doch unterschiedliche Interessen. Aber selbst wenn, ist noch was zu gewinnen. Es soll ja eine Familienveranstaltung werden. Nehmen wir an, es ist nur ein Automobilsportfan in der Familie. Der will bestimmt kommen und wahrscheinlich nicht allein. Und schon vergrößert sich der Kreis möglicher Interessenten für unseren Verein. So sehe ich das. Außerdem haben uns Gerda und Knut einen klasse Aufhänger geboten: Es geht um blindes Vertrauen, also um den Zusammenhalt zwischen Alt- und Neubürgern. Da lässt sich doch leicht vermitteln, dass der Autoparcours Mittel zum Zweck ist, das gegenseitige Vertrauen zu stärken.
Bleibt der Punkt, ob der Sport in den Hintergrund gerät, weil wir zu viele Spaßelemente eingebaut haben. Ich glaube, das erscheint uns nur so, weil wir uns im Moment darauf konzentrieren. Das Veranstaltungskonzept sieht doch viele Elemente vor, die ganz viel mit unserem Sportangebot zu tun habe. Ich bin überzeugt, dass die Besucher einen ganz anderen Eindruck haben werden als wir jetzt gerade. Sie werden Sport und Spaß als eine begeisternde Mischung erleben. Und genau darauf kommt es uns doch an, das meinen wir doch mit ‚Spiele ohne Grenzen’!“
Clemens Argumente blieben nicht ungehört und das Team war hin- und hergerissen. Schließlich einigte man sich auf folgenden Kompromiss: Man würde Herrn Partner das Sponsoringkonzept zunächst ohne die „Autoarena“ vorstellen. Wenn er zufrieden war, würde man sie weglassen. Sollte er noch nicht überzeugt sein, würde Gerda mit dem Vorstand diskutieren, ob der Autowettkampf angeboten werden durfte oder nicht und ggf. prüfen lassen, wie und zu welchen Kosten er sich realisieren ließ.
Anschließend vereinbarte das Team folgende Aufgabenteilung: Gerda Gründlich und Knut Knauser würde die Ideen stichpunktartig zusammenfassen, um sie zunächst mit den Abteilungsleitern zu diskutieren und danach dem Vorstand zur Abstimmung vorzulegen. Im Anschluss würden Clemens und Erna die wichtigsten Punkte der Veranstaltung und des Sponsorings in einem Konzept für Herrn Partner zusammenfassen.
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