Praxisfall Der TUS Sportsgeist 1954: Das Problem und der Protest

Hinweis: Der Praxisfall ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Vereinen und Personen wären bloßer Zufall.

 

DER FALL: DAS PROBLEM, DER PROTEST UND DAS NEUE PROGRAMM

Vereine sind bunte Truppen: Junge, Alte, Frauen, Männer, Einheimische und Zugereiste. Und wer darf das Spiel bestimmen? Jeder hat die gleichen Rechte? Chancengleichheit ist mehr: Passgenaue Bedingungen für jede Interessengemeinschaft!

 

1. DAS PROBLEM UND DER PROTEST
Vor mehr als 50 Jahren gegründet, blickt der TUS Sportsgeist 1954 auf eine erfolgreiche Vergangenheit zurück: Er hat sich zur Nummer eins in der Region aufgeschwungen, einer Universitätsstadt mit 150.000 Einwohnern. Seinen Aufstieg verdankt er vor allem dem zupackenden Engagement seiner Ehrenamtlichen. Derzeit sind es rund 100, die fortdauernd oder regelmäßig ehrenamtliche Aufgaben übernehmen. Eine hauptamtliche Halbtageskraft unterstützt sie. Der TUS Sportsgeist finanziert sich neben Eintritts- und Sponsorengelder im Wesentlichen durch Mitglieder- und Teilnehmergebühren.

 

 

Viel geboten – viel gewonnen
Im Laufe der Jahre hat der Verein ein beeindruckendes Sportangebot auf die Beine gestellt. Die Handball- und Tischtennisabteilung, die in ihren Ligen stark ausspielen, sind die Aushängeschilder. Die Tänzer waren in den Siebzigern sogar einmal Deutsche Vizemeister. Seit einigen Jahren gehören sie aber mit Angeboten wie Breakdance und Bauchtanz „nur noch“ zum reichhaltigen Fitness- und Gesundheitsprogramm des TUS Sportsgeist, das mit den unterschiedlichsten Lauf- und Leibesübungen in der Region seinesgleichen sucht.

2004, im Jubiläumsjahr, ist der Verein wieder einmal groß rausgekommen: Die „OrtsOlympiade“, die er organisiert hat, war den Medien viele Berichte wert. Mancher, der als Gratulant zum abschließenden großen Vereinsfest erschienen ist, hat gleich einen Aufnahmeantrag unterschrieben. 987 Mitglieder, das war der bejubelte Höchststand in der Vereinsgeschichte. Die Tausendermarke schien zum Greifen nahe.


Verluste gewinnen Gestalt
Seitdem jedoch macht auch der TUS Sportsgeist die Erfahrung, dass der Erfolg ein eigenwilliger Gefährte ist – manchmal mag er plötzlich nicht mehr mitspielen. Als der Verein, von einer Welle der Begeisterung getragen, in Windeseile sein Sportprogramm erweitert hat, rechneten alle mit neuen Rekorden. Stattdessen hat der TUS Sportsgeist seit einiger Zeit einen leichten Mitgliederschwund zu verzeichnen. Mehr Angebote – weniger Mitglieder: Es droht eine finanzielle Schieflage. Unverzüglich informiert der Schatzmeister den Vorstand.


Der Vorstand wird aktiv: Beraten, begründet und beschlossen
Der Vorstand beschließt gegenzusteuern: Im kommenden Haushaltsplan müssen die Ausgaben gesenkt werden! Ein Arbeitskreis soll dafür Vorschläge entwickeln. Ihm gehören – neben dem Schatzmeister und einer Führungskraft aus der Verwaltung – die Leiter der größten Sportabteilungen im Verein an. Die kleineren Abteilungen, die von Vorschlägen des Arbeitskreises betroffen sein könnten, sollen zuvor angehört werden.

Der Vorstand ist sich der Brisanz des Sparkurses bewusst und informiert die Mitglieder umgehend über die Vereinsmedien.

Nach akribischer Arbeit trägt der Arbeitskreis dem Vorstand seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen vor:

  • Bereich Fitness und Gesundheit
    Eine Reihe von Kursen, die zum Fitness- und Gesundheitsprogramm des Vereins gehören, bringen nicht genügend Geld in die Kasse: Die Teilnehmergebühren bleiben hinter den Kosten für die Leistungserbringung zurück. Das gilt nicht zuletzt für die Rückenschule, die Tanzkurse und die Schwimmangebote. Sie verursachen ein Defizit, das leicht über dem durchschnittlichen Verlust liegt, der in dieser Sparte entsteht. Da der Bereich nicht als Abteilung organisiert ist, gibt der Arbeitskreis ohne vorherige Anhörung folgende Empfehlungen:
    1. Die Teilnehmergebühren für die Tanzkurse und die Rückenschule sollten um 20 Prozent angehoben und die Mindestteilnehmerzahl erhöht werden.
    2. Die Schwimmangebote sollten gebündelt werden. Der Arbeitskreis rät, die Vormittagsangebote auf den Nachmittag zu verlegen, weil dann eine niedrigere Miete für das Städtische Hallenbad anfalle; vielleicht ließe sich durch die Straffung auch eine bessere Auslastung der Kurse erreichen.
  • Handballabteilung
    Die im Ligabetrieb der Handballmannschaft entstehenden Kosten übersteigen die Einnahmen deutlich. Auf Initiative des Abteilungsleiters Handball, der als Vertriebschef eines Unternehmens ein erfahrenerer Verhandler ist, heißt es im Bericht, dass die Bedeutung des Handballs für die Außenwirkung des Vereins nicht zu unterschätzen sei, weshalb man empfehle, den Etat nur um zehn Prozent zu kürzen.
  • Verwaltung
    Auch in der Verwaltung sieht der Arbeitskreis ein Einsparpotenzial. Er schlägt vor, dass ehrenamtliche Mitarbeiter einen Teil der Aufgaben übernehmen, die bislang die hauptamtliche Halbtageskraft erledigt. Der Verein könne ihr dann die Buchhaltung übertragen, für die bisher eine externe Kraft bezahlt wird. Damit die Ehrenamtlichen genügend Zeit für die übernommenen Verwaltungsaufgaben finden, solle das Vereinsbüro an zwei Nachmittagen geschlossen bleiben. Der Leiter der Verwaltung ist zwar nicht begeistert, stimmt jedoch zu.

Der Vorstand macht sich die Entscheidung nicht leicht, diskutiert lange, folgt aber letztlich den Vorschlägen. Er veröffentlicht das „Sparkonzept“ mit Zahlen und Argumenten in den Vereinsmedien. Zwar rechnet er nicht mit Jubel, klar. Auf die Welle des Protestes, die auf ihn zurollt, ist er aber doch nicht gefasst.

 

 

STURM DER ENTRÜSTUNG
Es beginnt als leise Kritik im kleinen Kreis: Die von den Maßnahmen betroffenen Tänzer(innen) und Schwimmer(innen) finden, der Verein lade die ganze Last bei ihnen ab. Doch der Protest wird immer lauter und erhält eine Dimension, die der Vorstand nicht vorhergesehen hat: Da hätten mal wieder die Männer zu ihren Gunsten entschieden, bringt Steffi Sturm, die Anführerin des Frauenfußballteams, die Unzufriedenheit auf den Punkt. Sie ist zwar nicht selbst betroffen, wird aber schnell als durchsetzungsstarke Wortführerin akzeptiert. Denn mittlerweile geht es um mehr als einzelne Maßnahmen: Es geht um das Gefühl, die Interessen der Frauen kämen im Verein zu oft zu kurz. Unmut, der sich über einen längeren Zeitraum gestaut hat, bricht nun um so stärker hervor.

 

 

Steffi Sturm spricht Klartext

Was tun? Der Vorstand sucht das Gespräch, um deutlich zu machen, dass er weder einseitig zu Lasten weiblicher Mitglieder entscheiden wollte – noch so entschieden hat! Er lädt zum „informellen Meinungsaustausch“, um seinen Standpunkt zu erläutern. Doch die Diskussion läuft nicht wie erhofft. Der Vorstand muss sich vorhalten lassen, dass er die Auswirkungen seiner Entscheidungen nicht überblickt habe:

„Punkt eins: Ich kann mich nicht erinnern, einen von euch mal bei einem Tanzkurs gesehen zu haben. Hätte euch da nicht der Gedanke kommen können, dass die Herren der Schöpfung eher tanzfaul sind? Dass also die Tanzkurse vor allem von Frauen belegt werden? Und die sollen jetzt die ganze Zeche zahlen – obwohl andere Angebote ein kaum geringeres Defizit einfahren! Und das soll eine gerechte Entscheidung sein?
Punkt zwei: Was ihr den Müttern in Sachen Schwimmen antut, ist noch ein ganz anderes Kaliber, das ist für die Mütter gelinde gesagt eine Katastrophe: Bisher hatten sie nämlich zwei Möglichkeiten, auch mal ohne Anhang schwimmen zu gehen: Die Mütter mit Kleinkind sind meist nachmittags gegangen – weil die Mitarbeiterinnen im Vereinsbüro nämlich nebenbei auch noch auf ein paar Minikids aufgepasst haben, wenn es sich irgendwie einrichten ließ. Die Mütter mit Kindergarten- oder Schulkind sind eher vormittags gegangen. Das fällt jetzt beides flach, säuft alles ab. Ihr habt das Kind mit dem Schwimmbad ausgeschüttet!
Ihr habt also zwei Mal gegen uns entschieden, frauenfreundlich ist was anderes!“

 

Dass die Frauen in besonderem Maße betroffen seien, hätten sie nicht bedacht, räumen die Vorstandsmitglieder ein; die Folgen seien ihnen nicht bekannt gewesen. Klar, hält Steffi Sturm dagegen, im Vorstand säßen eben nur Männer. Das sei zwar richtig, kontert der 1. Vorstand Karl Käpten, doch die Frauen hätten ja das selbe Recht zu kandidieren wie die Männer. Damit gibt sich Steffi Sturm noch nicht geschlagen: Ob Karl Käpten es nicht selbst komisch finde, dass so selten eine Frau antrete. Da stimme doch irgendwas mit den Bedingungen nicht. Jetzt gehe es nicht um Vereinspolitik, sondern um eine Lösung, die auch die Frauen fair finden, leitet Käpten auf das ursprüngliche Thema zurück. Schließlich vereinbart man folgenden Kompromiss:

 

Die Kursgebühren für die Tanzkurse werden nur um zehn Prozent erhöht. Die Schwimmkurse finden wie bisher auch nachmittags statt. Über die Kinderbetreuung im Vereinsbüro soll später entschieden werden. Das könne man nicht unter der Hand regeln, entscheidet der Vorstand, da auch Haftungsfragen aufgeworfen würden.

 

Um die Wellen schnell wieder zu glätten, informiert der Vorstand über das Gespräch und die „nun unter besserer Beachtung der Interessen unserer weiblichen Mitglieder“ gefundene Lösung.

 

 

GEGENOFFENSIVE: NUN MECKERN ANDERE MITGLIEDER

Ende gut – alles gut? Nicht ganz: Julian Junior, ein manchmal hitzköpfiger, aber stets engagierter junger Mann, meldet sich zu Wort: Von wegen Benachteiligung der Frauen! Die hätten ihre Kohlen schön aus dem Feuer geholt! Zwar profitiert Julian Junior als Breakdancer auch von der Korrektur, die Steffi Sturm ausgehandelt hat. Aber ihn ärgert, dass sie „bloß mal“ beim Vorstand vorsprechen müsse, um zu bekommen, was sie wolle. Es seien immer die gleichen Strippenzieher am Werk. Nur die Jugendlichen hätten im Verein nichts zu sagen – obwohl sie so viel freiwillige Arbeit leisteten!
Nicht jeder ist mit der Wortwahl des jugendlichen Kritikers einverstanden – doch in der Sache gibt es nicht nur bei den Jugendlichen viel Zustimmung: Manche Interessen würdige der Verein mehr als andere!

 

 

Vorstandsbeschluss: Auszeit für Aussprache

Im Verein breitet sich Unruhe aus und der Vorstand sieht die Notwendigkeit, schnell auf den wachsenden Protest zu reagieren. In seiner Erklärung heißt es:

„Wir sehen uns in der Pflicht, die Ausgaben an die gesunkenen Einnahmen anzupassen. Wir haben dabei immer das Ziel verfolgt, transparente Entscheidungen zu treffen, die im Sinne des ganzen Vereins sind. Die Kritik, die unsere Entscheidungen hervorgerufen haben, hat uns deshalb überrascht. Aber wir nehmen sie ernst. Um die Gemeinschaft, die unseren Verein in mehr als fünf Jahrzehnten ausgezeichnet und nach vorn gebracht hat, wiederherzustellen und die erforderlichen Sparbeschlüsse mit allen Interessierten zu diskutieren, haben wir uns entschlossen, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen...“

 

 

AUSSERORDENTLICHE MV MIT AUSSERGEWÖHNLICHEN BEITRÄGEN

Karl Käpten eröffnet die Mitgliederversammlung. Mit so vielen „Interessierten“ hatte er nicht gerechnet. Der Diskussionsbedarf ist größer, als wir uns vorgestellt haben, denkt er und setzt zur – mit den Vorstandskollegen abgestimmten – Eröffnungsrede an:

„Ich begrüße euch alle sehr herzlich. Und danke euch, dass ihr zu unserer außerordentlichen MV gekommen seid. Unser Schatzmeister gibt uns gleich einen Bericht über die Haushaltslage, der unsere Diskussionsgrundlage bildet. Lasst mich noch einmal etwas klarstellen, das schon in der Einladung stand: Heute wird nicht über den künftigen Haushaltsplan entschieden. Den legen wir auf der ordentlichen MV zur Abstimmung vor. Aber natürlich werden wir im Vorstand die heutige Meinungsbildung bei der Erstellung des Haushaltsplans ernsthaft berücksichtigen.
In den vergangenen Wochen ist einiger Unmut aufgekommen, keine Frage. Doch dass heute so viele gekommen sind, um gemeinsam Lösungen zu finden, zeigt, wie sehr euch, wie sehr uns allen unser Verein am Herzen liegt. Darauf können wir bauen – wenn wir fair miteinander umgehen und sachlich diskutieren! Ich bitte euch deshalb: Beweisen wir den Sportsgeist, den wir im Namen führen! Wir vom Vorstand gehen mit gutem Beispiel voran: Weil wir mit unseren Entscheidungen selbst in der Kritik stehen, schlagen wir vor, dass nicht ich die Versammlung leite, sondern wir miteinander einen Versammlungsleiter wählen.“

 

Applaus – die MV stimmt zu. Als jemand Klara Klug vorschlägt, zeichnet sich schnell ab, dass sie die Richtige für diesen Tag ist. Zugleich besonnen und bestimmt, hat sie sich in den langen Jahren ihres engagierten Mitwirkens viel Respekt erworben. Sie wird gewählt und nachdem der Schatzmeister die wirtschaftliche Lage umrissen hat, beginnt die Diskussion.

 

Als Erster meldet sich der Leiter der Handballabteilung:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir Handballer, die ja in der Summe den größten Betrag zum Sparkurs beisteuern sollen – und werden! – wissen, wie schmerzhaft Einschnitte sind. Aber es geht um das Wohl des ganzen Vereins! Es darf nicht sein, dass jeder auf den anderen verweist, wenn es ums Sparen geht. Wir Handballer sind bereit voranzugehen und das größte Opfer zu bringen. Aber ich appelliere an euch: Belassen wir es beim Vorschlag des Vorstands, sonst dividieren wir uns auseinander!“


Aus dem Gemurmel heraus ergreift ein älterer Mann das Wort:

„Von wegen größtes Opfer. Ihr seid der größte Nutznießer! Deshalb willst du nichts verändern. Ihr müsstet nur zehn Prozent einsparen, obwohl euer Defizit viel höher liegt! In der Summe, wenn du es schon so nennst, würdet ihr trotz Ebbe in der Vereinskasse weiterhin einen enormen Zuschuss kriegen. Genau genommen ist es der mit Abstand größte Zuschuss im Verein. Für mich ist das keine Selbstverständlichkeit. Wir sind zwar eine Gemeinschaft – aber: Dass die Rückenschule vielleicht demnächst nicht mehr stattfindet, weil die höhere Mindestteilnehmerzahl nicht mehr erreicht wird und gleichzeitig der Handball mit großen Summen subventioniert wird, ist ein Ärgernis!“


Das Getuschel nimmt zu. Diese Sichtweise ist für viele neu. Ein anderes Mitglied, stößt ins selbe Horn:

„Genau! Wir Senioren sind hier wohl nicht mehr so wichtig. Ist ja schön, dass die Tanztruppen jetzt mit einem blauen Auge davon zu kommen scheinen. Aber in meinem Alter ist Bauchtanz nicht mehr ganz das Richtige. Mir ist die Rückenschule wichtig. Aber anders als die Frauen haben ältere Mitglieder hier ja keine Lobby mehr. Karl, du bist lang genug im Verein, um zu wissen, wie wir in die Hände gespuckt und an einem Strang gezogen haben, um den Verein an die Spitze zu hieven. Wir haben es deshalb nicht verdient, dass ausgerechnet ‚unsere’ Rückenschule teurer wird! Ich fordere, die Gebührenerhöhung zurückzunehmen!“


Julian Junior, der sich erhoben hat, darf sich äußern und steuert in eine ganz andere Richtung:

„Hey Leute, es geht doch nicht nur ums Geld. Ich ... oder wir ... haben doch nicht nur deshalb protestiert. Es geht auch darum, dass die Jungen hier auch mal mitregieren dürfen! Darüber müssen wir diskutieren!“


Das sei typisch Julian, der mal wieder seine große Klappe unter Beweis stelle, raunt es im Saal. Aber es sind auch andere Stimmen zu hören, die meinen, er habe nicht ganz unrecht: Es gehe hier auch um die Entscheidungsprozesse im Verein.

Klara Klug bemüht sich um Ordnung:

„Wir sollten die Diskussion natürlich nicht ausufern lassen. Wir sollten aber auch nicht vorschnell abwinken, wenn einer ein Diskussionsanliegen vorträgt. Wir haben heute die Gelegenheit, auch über grundsätzliche Dinge zu sprechen. Allerdings müsste jemand das Thema so genau definieren, dass wir abstimmen können, ob wir es heute behandeln.“


Karl Käpten, der vorhergesehen hat, dass es um mehr als Geld gehen könne und deshalb „Plan B“ vorbereitet hat, bittet um Gehör und überrascht mit seiner Erklärung:

„Natürlich ist die Frage, wer welche Mittel erhält oder nicht erhält, eine, über die man streiten kann. ‚Ohne Moos nix los’, sagt man ja. Ich habe aber mittlerweile den Eindruck, dass es nicht ausschließlich ums Geld geht. Von niemandem habe ich bisher gehört, dass er zum Beispiel höhere Teilnehmergebühren für bestimmte Kurse nicht zahlen könne. Ich habe nicht gehört, dass es unzumutbare Härten gebe. In den Gesprächen, die ich geführt habe, und es waren einige, ging es vielmehr um Gerechtigkeit. Und darum, welche Gruppen mehr oder aber weniger große Chancen hätten, ihre Interessen durchzusetzen. Ein griechischer Vereinskamerad hat mir zum Beispiel gesagt, er sei bei uns eingetreten, als wir 2002 das Nationalitätenfest gefeiert haben, ihr erinnert euch: ‚Wir sind ein buntes Volk’. Aber ein wenig enttäuscht sei er schon, dass der Integrationsgedanke im Vereinsalltag nicht richtig verankert sei. Dass nun ausgerechnet der einzige griechische Beitrag zum Vereinsprogramm, der Sirtaki-Tanzkurs also, teurer würde, fände er schade.

Was Julian gerade gesagt hat, scheint mir in die gleiche Richtung zu zielen, nämlich die gleichberechtigte Mitbestimmung in unserem Verein. Es hat natürlich jeder dasselbe Recht, sich in Entscheidungsgremien wählen zu lassen. Aber ich habe am Wochenende im Internet einen Aufsatz gelesen, in dem es ungefähr hieß: Gleiche Rechte führen nicht automatisch zu Chancengleichheit. Es geht auch um die Frage, wie leicht oder schwer es gemacht wird, die Rechte auszuüben. Das hat mich an eine Bemerkung von Steffi Sturm erinnert. Sie hat gemeint, dass wir im Vorstand die Interessen der Frauen übersehen hätten, weil keine Frau im Vorstand sei. Als ich erwidert habe, dass sich so selten eine Frau zur Wahl stelle, meinte sie, dafür müsse es doch Gründe geben.

Wenn ich also alle Eindrücke aus der letzten Zeit zusammenfasse, dann stellen sich mir zwei Fragen:

Erstens, welche Interessengruppen haben das Gefühl, ihre Anliegen würden nicht ausreichend vertreten?

Und zweitens: Was müssten wir verändern, damit sie ihre Anliegen wirkungsvoller einbringen können?

Ich kann mich täuschen, aber mein Eindruck ist: Wenn wir in diesen Fragen einen Kompromiss finden, dann finden wir auch eine für alle akzeptable Lösung für die Kostensenkung.“

 

Damit, dass gerade der Vorstandsvorsitzende so grundlegende Fragen aufwerfen würde, hat niemand gerechnet (ausgenommen die Vorstandskollegen, mit denen er sich abgesprochen hat). Klara Klug nutzt den Moment des verblüfften oder nachdenklichen Schweigens und lässt darüber abstimmen, ob zunächst die beiden von Karl Käpten gestellten Fragen diskutiert werden sollen. Eine deutliche Mehrheit stimmt zu. Im Verlauf des weitgehend sachlichen und wertschätzenden Meinungsaustausches bilden sich insbesondere folgende Aspekte heraus:

  • Die Jugendlichen im Verein leisten zwar überdurchschnittlich viele Stunden freiwillige Arbeit, aber nur selten in Führungspositionen. Es fehlt ein Konzept, das sie schrittweise auf die Übernahme von Verantwortung vorbereitet.
  • Weibliche Mitglieder tragen zwar auf der Abteilungsebene Verantwortung, fehlen derzeit aber im Vorstand und waren auch in der Vergangenheit Ausnahmen. Über die Gründe gibt es eine Vielzahl von Mutmaßungen. Ein Konsens lässt sich (nur) darüber erzielen, dass es von Vorteil wäre, wenn Frauen in der Vereinsführung mitwirken würden.
  • Nur die Jugend hat mit dem Jugendwart und -ausschuss und der Jugendversammlung eine Interessenvertretung. In der MV zeichnen sich drei weitere Gruppen mit speziellen Interessen ab: Senioren, Frauen und Mitglieder mit ausländischem Hintergrund. Ob und wie sie in Entscheidungsprozesse eingebunden werden sollen, bleibt umstritten. Der lakonische Kommentar, dass am Ende jeder seinen eigenen Verein gründen werde, erhält einige Lacher. Andererseits ist zu erkennen, dass nicht wenige Teilnehmer der MV sich einer solchen Interessengruppe zurechnen.
  • Der Schatzmeister habe mit seinem frühzeitigen Hinweis auf die Kostenproblematik klasse Arbeit geleistet. Der Verein dürfe aber nicht nur auf Einsparungen setzen, sondern müsse auch wieder zur Attacke blasen.

Nachdem die Meinungsbildung so weit gediehen ist, bittet Karl Käpten um eine kurze Unterbrechung, um sich mit seinen Vorstandskollegen zu beraten. Dann spricht er mit Klara Klug, die sich im Anschluss an das Plenum wendet:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen. Zunächst möchte ich uns alle beglückwünschen: In so großem Kreis haben wir wohl noch nie so intensiv diskutiert. Karl hat mich gebeten, euch im Namen des Vorstands für die vielen konstruktiven Ansätze zu danken. Mache ich gern, denn das war eine tolle Diskussion! Jetzt wäre natürlich auch über das Ausgangsthema, die Kostensenkungsmaßnahmen, zu reden. Der Vorstand möchte euch aber einen anderen Vorschlag machen.“


Karl Käpten erhebt sich und erläutert die Idee des Vorstands:

„Wir haben erkannt, dass die ins Auge gefassten Einsparungen nur ein Teil des Problems und der Turbulenzen sind. Wir haben heute viele wertvolle Anregungen erhalten, die über dieses Problems hinausgehen und unseren Verein insgesamt voranbringen könnten. Wir vom Vorstand würde deshalb gern ein Konzept für eine umfassende Lösung entwickeln, bevor wir über einzelne finanzielle Maßnahmen diskutieren. Dieses Veränderungsprogramm möchten wir euch auf der ordentlichen MV vorstellen. Wir sind überzeugt, dass wir auf diesem Weg mehr für unseren Verein erreichen, als wenn wir jetzt über das Für und Wider einzelner Maßnahmen diskutieren. Ich glaube sogar, dass es uns so gelingen könnte, aus der Not eine Tugend zu machen – also von der Defensive wieder in die Offensive zu gelangen.“


Klara Klug leitet die Abstimmung ein:

„Ist das nicht ein guter Vorschlag? Bestimmt geht es auch anderen so wie mir: Die Konzentration lässt nach. Ich weiß zwar nicht, ob wir einen Beschluss fassen müssten, aber bevor wir was falsch machen – lasst uns abstimmen. Wer ist also für Karls Vorschlag?“


Beinahe alle sind dafür und so beschließt Klara Klug die MV.

 

 

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